Samstag, 26. Februar 2011

Aggression und Selbstwert

Ramona

Aggression und Selbstwert

Aggression ist ein Forschungsgebiet, mit dem sich vor allem Sozialpsychologen schon lange auseinander setzen. Eine ganze Bandbreite an wissenschaftlicher Literatur wird uns in Online-Datenbanken angeboten. Betrachtet man ein weiteres großes Gebiet der psychologischen Forschung, den Selbstwert des Menschen, ist es schon erstaunlich, dass sich gerade an der Schnittstelle zur Aggressionsforschung hier gar nicht so viel zu tun scheint. Ist es nicht ein Thema, mit dem man sich vielleicht schon intuitiv in seinem Alltag auseinandergesetzt hat? Ist es nicht der Jugendliche, der nicht gerne alleine in seinem Zimmer weint und sich deswegen eine Gruppe lautstarker Halbstarker sucht, durch die er sein eigenes niedriges Selbstwertgefühl zu kompensieren möchte? Sind es nicht genau diese Gruppen, die durch ihre Gewalttaten Aufsehen erregen, um sich, fern von ihrer gefühlten Unzulänglichkeit, selbst ein bisschen größer und stärker zu fühlen? Oder ist vielleicht der gewalttätige Ehemann der Nachbarin gar kein sadistischer Schläger, sondern nur ein armes Kerlchen, das auch einmal gehört werden möchte?

Ausmalen und vielleicht logisch begründen können wir uns viel, doch da die Psychologie nun mal eine empirische Wissenschaft ist, haben es sich schließlich doch ein paar Forscherjungs zur Aufgabe gemacht, die genauen Zusammenhänge zwischen dem Selbstwert des Menschen und seiner vielleicht daraus resultierenden Aggressivität genauer zu ergründen.

Betrachten wir uns erst einmal den Begriff des hohen Selbstbewusstseins. Assoziieren wir einfach drauf los, fallen uns bestimmt einige positive Beispiele und illustre, starke Persönlichkeiten ein, denen wahrscheinlich ein gesundes Selbstwertgefühl zu Eigen ist. Leichter vergessen viele allerdings, dass auch diese Eigenschaft, wie so viele, ein zweischneidiges Messer ist. Die andere Seite hohen Selbstbewusstseins stellen Geltungsbedürfnis, Arroganz, Eitelkeit und Narzissmus dar, wobei wir hier nicht mehr unbedingt von einer gesunden Selbsteinschätzung reden würden.

Genau solche Eigenschaften wurden in der Literatur, und vor allem durch Scully, allerdings immer wieder bei Gewaltstraftätern und Vergewaltigern beobachtet. Sie hatten ihm gegenüber spontan, ohne jegliche Aufforderung, über sich als multitalentierte Supertypen berichtet und prahlten immer wieder mit ihrem sexuellen Können. Alleine deswegen ist die bisherige intuitive Sichtweise, wohl in Frage zu stellen. Hingegen waren schüchterne, sich selbst herabwürdigende oder bescheidene Persönlichkeiten hier nur sehr unterrepräsentiert zu finden.

Genau dies taten Baumeister und seine Kollegen, als sie 93 Probanden zu einem Videospielexperiment einluden. Vorher wurden diese in zwei Gruppen, eine mit, nach standardisierten Tests, höherem und eine mit niedrigerem Selbstwertgefühl.

Die Teilnehmer spielten um Geld, wobei sie pro Runde einen selbstgewählten Betrag auf ihr eigenes Können im nächsten Trial setzen sollten. Das erstaunliche Ergebnis war, dass die Probanden mit hohem Selbstbewusstsein nach einer verlustreichen Runde mehr Geld auf ihre geschätzte Leistung in der nächsten Runde setzten, während die andere Gruppe in der nächsten Runde weitaus weniger Geld einsetzte. Zweites kann dadurch erklärt werden, dass die Versuchspersonen nach einem verlorenen Spiel an ihren Fähigkeiten zweifelten, während die selbstbewusste Gruppe sich nach einem Verlust irrational überschätzte, um sich selbst weiterhin in positivem Licht sehen zu können. Daraus entstand die sogenannte Ego-threat-Theorie.

Alltagsnähere Beispiele weisen in eine ähnliche Richtung. Es ist zum Beispiel empirisch belegt, dass Männer ein leicht höheres Selbstbewusstsein aufweisen, als Frauen. Die Daten sagen uns gleichzeitig, dass bei Männern die Wahrscheinlichkeit 5-50x höher ist eines Tages in einem Gefängnis aufzuwachen.

Die klinische Depression ist eine der wenigen psychischen Krankheiten, die eindeutig aggressives Verhalten verringert. Es ist auch die Krankheit, zu deren Leitsymptomen ein stark vermindertes Selbstwertgefühl zählt.

Die Ego-threat-Theorie der Aggression

In weiteren Studien zeichnete sich ein immer deutlicheres Bild davon ab, dass nur eine ganz bestimmte Art des Selbstwertgefühls in direktem Zusammenhang mit aggressivem Verhalten steht. Das Selbstwertgefühl der Probanden war nie ein stabiles, gesundes und realistisches, sondern entsprach genau dem Gegenteil. Solche Züge können wir vor allem in der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sehr gut verkörpert sehen. Diese äußert sich unter anderem in mangelndem Selbstbewusstsein und Ablehnung der eigenen Person nach innen, wechselnd mit übertriebenem und sehr ausgeprägtem Selbstbewusstsein nach außen. Daher sind diese Personen immer auf der Suche nach Bewunderung und Anerkennung, wobei sie anderen Menschen wenig echte Aufmerksamkeit schenken. Sie haben ein übertriebenes Gefühl von Wichtigkeit, hoffen eine Sonderstellung einzunehmen und zu verdienen. Außerdem zeigen sie ausbeutendes und aggressives Verhalten und einen Mangel an Empathie. Es können auch wahnhafte Störungen mit Größenideen auftreten. Zudem zeigen Betroffene eine auffällige Empfindlichkeit gegenüber Kritik, die sie nicht selten global verstehen, was in ihnen Gefühle der Wut, Scham oder Demütigung hervorruft. Dass sich gerade diese Störung auch durch erhöhte Aggressionsbereitschaft ausdrückt dürfte die Ego-threat-Theorie bekräftigen.

Der typische Narzisst

???

Menschen mit dem pathologische Störungsbild der Psychopathie, das eine Prävalenz von nur rund 1% aufweist, zeigen ebenfalls ein erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl, Mangel an Gewissensbissen oder Schuldbewusstsein, mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen und unzureichende Verhaltenskontrolle. Die beiden ersten Eigenschaften dürften für erhöhte Aggression aufgrund von bedrohungsanfälligem Ego sprechen, die beiden letzten jedoch beeinflussen aggressives Verhalten aber mindestens genauso, wie wir später noch erläutern werden. Trotz der niedrigen Prävalenz wurde bei 15% der amerikanischen Häftlinge genau diese Störung diagnostiziert, wobei bis zu 80% ähnliche, aber noch nicht pathologische Krankheitsmerkmale aufweisen.

Eine Egobedrohung kann also nur entstehen, wenn das eigene Ego nicht vernünftig eingeschätzt, sondern immens übersteigert wird, was sich natürlich niemals mit dem erfahrenen interpersonellen Feedback decken kann, auf das diese Menschen sicherlich stoßen werden. Dieses, in den Augen des Narzissten, oder der allgemein selbstunsicheren Person, ungerechte Feedback wird also als Bedrohung und Gefahr angesehen und muss durch entsprechende, aggressive, oder egostärkende, Aktionen beseitigt werden. Durch hohe Selbstunsicherheit wird gleichzeitig ein größeres Augenmerk auf externes Feedback gerichtet, wodurch sich die erlebte Bedrohung noch vergrößert.

Für diese These spricht auch, dass der Anstieg aggressiven Verhaltens seine Spitze in den späten Teenager Jahren findet, in denen der eigene Selbstwert bekanntermaßen noch unstabil ist und immer neu ausgetestet werden muss. Danach nimmt Aggression in der Bevölkerung im Durchschnitt wieder ab.

Ein weiteres Beispiel, das viele Menschen kennen, ist, dass Alkohol eine, meist als angenehm empfundene, temporäre Steigerung des Selbstbewusstseins mit sich bringt, die allerdings nicht begründet und deshalb labil ist. Das würde auch erklären, dass in einem hohen Prozentsatz aller Gewaltverbrechen auch Alkohol eine große Rolle spielt.

Hingegen wurden Menschen mit hohem, stabilem Selbstbewusstsein als am wenigsten aggressiv getestet.

In früheren Studien ging man davon aus, dass Frustration ein Hauptauslöser für Aggression ist. Berkowitz wendet das Ganze jetzt auf die Ego-threat-Theorie an und sieht Frustration als Folge von Beleidigung und weitet somit die Auslöser auf alle negativen Emotionen aus, die durch Bedrohung des Selbst entstehen. Die einzigen Ausnahmen stellen aber wohl Schuldgefühl und Mitleid dar.

Sehen wir uns also mal dieses neue Modell an und gehen davon aus, dass ein Mensch von einem anderen beleidigt wird. Sein Ego wird dadurch in Frage gestellt, oder bedroht, es entsteht eine Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdbewertung und so entsteht in ihm, ein negatives Gefühl, im Allgemeinen: Aversive Emotionen.

Nun haben wir zwei Möglichkeiten. Entweder wir wehren uns gegen diese Beleidigung und erklären sie am besten als unberechtigt und unfair und können so durch den entstehenden Ärger eine Herunterregulierung des eigenen Egos vermeiden und mit aggressivem Verhalten gegen die ‚Quelle der Bedrohung‘ agieren. Andererseits steht uns frei die Beleidigung als wahr zu akzeptieren und ein sinkendes Selbstwertgefühl in Kauf zu nehmen. Letzteres äußert sich nur allzu oft in Traurigkeit und Depressionen. Wird die Kritik als gerechtfertigt verstanden, reagiert man weniger aggressiv.

Die meisten Menschen korrigieren jedoch ihren Selbstwert lieber nicht nach unten.

1988 stellte Katz fest, dass vor allem auch Straßengewalt oft durch Respektlosigkeit und Erniedrigung entsteht. So kann die Aggression als Selbstschutz und automatischer Abwehrmechanismus von Bedrohung gesehen werden.

Der interpersonelle Aspekt der Aggression

Da sich Gewalt oft nicht in zufällig nach außen gerichteten Impulsen, sondern auf zwischenmenschlicher Ebene zeigt, kann man sie auch als Kommunikationsmittel betrachten, das zwei Parteien zueinander in Beziehung setzt. Hier bekommt die Aggression einen interpersonellen Aspekt.

Beleidigte Individuen versuchen die Quelle der Bedrohung ‚umzuhauen‘, aber auch Gruppen tendieren dazu diejenigen zu attackieren, die ihre Privilegien angreifen.

Dafür können wir, ohne groß zu überlegen, einige Belege in der Geschichte finden. Aggression zwischen Gruppen

und deren Irrationalität können wir an Beispielen wie dem Naziregime,


Massengrab (Holocaust)

aber auch Taten wie Ehrenmorden,

oder dem früher gesellschaftlich üblichen Duell zwischen zwei Männern um Leben und Tod, betrachten, nur weil der eine den anderen auf irgendeiner Weise beleidigt, oder in Frage gestellt hat.

Das Duell- Ehre oder Tod

Kollektive Gewalt finden wir auch bei Gruppen wie dem Ku Klux Klan, die sich gegen die Emanzipation, also die gesellschaftliche ‚Bedrohung‘ durch Afroamerikaner wehren und der Mafia, deren Mitglieder sich selbst als übermenschlich und göttlich betrachten.

http://www.youtube.com/watch?v=y6-izjkPyYg (ausschnitt aus n24 reportage- kkk)

Aber um zum Individuum zurück zu kommen, stellen wir uns die folgende Situation einmal vor. Straßennachwuchsganster 1 ruft Straßennachwuchsgangster 2 auf der Straße etwas hinterher, das indirekt dessen Mutter in ein unschönes Licht rückt. Natürlich hat Gangster 1 nicht die Mittel, um wirklich etwas an der Intelligenz oder dem Wert des Gegenübers zu ändern, vielleicht kennt er die Mutter des Anderen und ihr berufliches Milieu nicht einmal, aber alleine dadurch, dass Nummer zwei zurückschlägt, widerlegt er symbolisch die Richtigkeit der Aussage. Dadurch beweist er an sich nicht das Gegenteil, aber er versucht den Gangster 1 daran zu hindern in Zukunft noch einmal das Gleiche zu tun und ihn fortan mit Respekt zu behandeln, indem er ihn zwingt sein folgendes Verhalten zu ändern. Wenn er sich erfolgreich wehrt und den Gegner ‚eines besseren belehrt‘, übernimmt er in diesem Fall die Dominanz über eine Situation, über einen Menschen, am besten natürlich über den, der ihn beleidigt hat und fühlt sich in seinem Selbstwert wieder bestärkt. Die Gefahr ist vorbei.

Und wer ist jetzt der Stärkere?

Auch ein Motiv vieler Sexualstraftäter ist, sich einmal überlegen zu fühlen, oft auch den Frauen gegenüber, die sich für ‚etwas Besseres‘ halten, die schön und erfolgreich sind. So einer Person einen Moment lang überlegen sein stärkt das Selbstwertgefühl ungemein. So sind die meisten Vergewaltiger wohl nicht körperlich sexuell frustriert, sondern suchen nach psychischer Bestätigung.

Aber auch in der Ehe sehen es manche Männer, oder auch Frauen, als nötig an, dem Partner stets die eigene Überlegenheit, den Besitz des anderen zu demonstrieren und so kann auch ein stillgeschwiegenes Phänomen auftreten, die Vergewaltigung unter Ehepartnern.

In der Forschung finden sich noch zwei weitere Phänomene, die sich mit dem Ausgleich des Selbstwertgefühls beschäftigen. Zum einen herrscht in manchen Gruppen eine sogenannte zero summation Regel, die besagt, dass der Ego Zuwachs des Einen einen Ego Verlust des anderen mit sich bringt. Ein auch in unserer Gesellschaft zu beobachtendes Phänomen ist der all poppy effect. Demnach finden viele Menschen Gefallen am Niedergang einer erfolgreichen mächtigen Person, um ihren eigenen Selbstwert dadurch scheinbar gestärkt zu sehen. In manchen Gruppen gilt Selbstwert als eine teure Ressource und jeder Anspruch darauf bedroht das eigene Ego. Diese Bereiche bedürfen aber noch genauerer Erforschung.

Und so postulierte Katz 1988, dass wohl die meisten Morde und Gewaltverbrechen Antworten auf die Bedrohung des öffentlichen Images, wie Beleidigung, Demütigung und Respektlosigkeit sind.

Aber ich glaube spätestens an dieser Stelle sollten wir beginnen uns zu fragen, wann wir denn das letzte Mal jemandem so richtig in die Fresse geschlagen haben, weil er gemein zu uns war. In den besten, und wahrscheinlich auch meisten Fällen, werden die Antworten wohl so aussehen: „natürlich gar nicht! “, „aus Notwehr…“, oder „im Kindergarten?“. Dabei kommt es doch gar nicht so selten vor, dass wir vor oder hinter unserem Rücken beleidigt werden, oder dass jemand, berechtigt oder unberechtigt, schlecht über uns redet. Warum haben wir vielleicht die Idee an eine spontane aggressive Gegenwehr, können uns aber meistens dann doch ganz gut beherrschen?

Die Antwort liegt bereits im letzten Satz. Weil wir es können. Weil wir ein gesundes Maß an Selbstkontrolle aufgebaut haben.

Selbstkontrolle und Aggression

Die fehlende Selbstkontrolle im Bezug auf aggressives Verhalten wurde lange unterschätzt, wobei sie doch zu einem der einflussreichsten Faktoren zählt, die Gewalt begünstigen. Es gibt, der Sozialpsychologie zufolge, so viele Faktoren, die Gewalt und Aggression fördern, darunter Ärger, Frustration, Deprivation, der Wunsch nach Macht, Gewalt in den Medien, aber auch Umweltfaktoren wie Hitze. Demnach müsste Aggression ein recht übliches Phänomen darstellen und eine häufige Problemlösestrategie. Das ist allerdings nicht so.

1990 gingen zum ersten mal Gottfredson und Hirschi davon aus, dass nicht aggressive von aggressiven Menschen eine besondere Fähigkeit unterscheidet, nämlich dass die Ersten aggressive Impulse oder potentiell aggressives Verhalten meistens inhibieren, also blocken können, um dieses zu verhindern. Sie begannen das Wesen der Gewalt in allgemeineren Zusammenhängen verstehen zu wollen und entwickelten somit die General Theory of Crime.

Wenn man Gefängnisinsassen betrachtet, die schon öfters straffällig geworden sind, dann beobachtet man etwas Erstaunliches. Meistens gibt es gar nicht den Vergewaltiger, oder den Kerl, der sein Leben lang versucht eine Bank auszurauben. Die wenigsten Straftäter haben sich einer professionellen kriminellen Karriereschiene verschrieben. Stattdessen haben Straftäter im Allgemeinen einen sehr kriminellen Lebensstil. Da sitzt einer schon mal zehn Jahre im Gefängnis wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung, kommt frei, ist kaum auf freiem Fuß und kommt auf die Idee, den kleinen Kiosk gleich um die Ecke der nächsten Polizeistation zu überfallen.

Gottfredson und Hirschi gingen davon aus, dass manche Menschen einfach generell keinen Respekt vor dem Gesetz haben und unter einem chronischen Mangel an Selbstkontrolle leiden. Alles was für diese Menschen ausreicht, um eine Straftat zu begehen ist die Verfügbarkeit, die Gelegenheit und der passende Impuls. Man geht davon aus, dass so viele Tankstellen und Kleinwarenhändler überfallen werden, weil sie eben verfügbar sind (vergleiche Englisch: covenience store).

Gewalt seitens verschiedener Minoritäten ist ein Thema, das uns täglich auch in den Medien begegnet. Diese Gewalt wird oft durch die Unterdrückung durch andere Gruppen gerechtfertigt, doch schauen wir uns die Datenlage genauer an, so sind die meisten Gewaltverbrechen, die von Angehörigen einer Minorität ausgehen, gegen ein anderes Mitglied der gleichen Gruppierung gerichtet. Auch dies würde für den Aspekt der Verfügbarkeit sprechen. Wir sind uns auch bewusst, dass ein großer Teil von Straftaten von Menschen aus ärmeren Gesellschaftsschichten begangen wird, aber gleichzeitig sind auch gerade arme Menschen die häufigsten Opfer von Gewaltverbrechen. Kehren vielleicht auch deswegen Täter so oft wieder an den Tatort zurück, weil er sich eben in ihrem direkten Umfeld befindet, weil er verfügbar ist? Hirschi und Gottfredson würden dies bejahen.

Somit verlieren wohl die meisten Taten ihren OceansEleven Charakter, der sie wie geplante Aktionen als Teil einer langen Verbrecherkarriere aussehen lässt, sondern werden zu einfach unbedachten Impulsverbrechen, die vielleicht sogar erst aus dem Moment zuvor entstanden ist.

Vielen Studien zufolge haben Verbrecher auch im Alltag keine Selbstkontrolle. Ihr Lebensstil unterscheidet sich von dem der meisten Menschen. So hat die Mehrzahl aller Straftäter eine Neigung zu Beschäftigungen wie Rauchen, sich bis zum Exzess betrinken, zu ungeplanten Schwangerschaften, unstabilen Beziehungen und Glücksspiel, um nur einige Beispiele zu nennen. Nur auf kurzfristige Vergütungen aus zu sein, kann so schnell zu einem verkorksten Lebensstil führen, weil Menschen mit fehlender Impulsselbstkontrolle zu selten daran denken, wie sich ihr Verhalten auf die Zukunft auswirken könnte, bevor sie es ausführen. Ohne Selbstkontrolle scheint es unmöglich zu sein Geld in Aktien anzulegen, statt es gleich für Sinnliches, Spannendes oder Spaßiges auszugeben, oder sein Geld zurück zu legen, weil man doch von einem Ferienhaus im Süden träumt, statt sofort einen krassen Drogentrip zu erleben. Einige Frauen beginnen schon nach Weihnachten ihre Diät für den nächsten Sommer und die dazugehörige Bikinifigur, was ohne Selbstkontrolle unvorstellbar scheint und spätestens nachts vor dem für den Notfall gefüllten Kühlschrank enden würde.

Um ein Verbrechen zu begehen braucht man keine großen Fähigkeiten, keinen Plan, aber es bringt kurzfristige Belohnung und einen Adrenalinkick. Wie käme man schneller an Geld, Aufregung und zugleich Statuserhöhung unter den Kollegen? Das Problem ist nur, dass das neue Leben, das man dadurch anstrebt, auch weiterhin finanziert werden muss, während unser alt bekanntes Problem der Impulskontrolle bestehen bleibt. Mit dem ‚neu erwirtschafteten Geld‘ wird also genauso umgegangen, wie mit dem wenigen, das man davor hatte und so bleibt am Ende des Monats wieder nichts, weswegen man sich erneut nach schnellen Möglichkeiten zum Geldgewinn umschauen muss. Und so schließt sich der Kreislauf des Geldbeschaffens und –ausgebens, ein Mensch bleibt auf der kriminellen Schiene hängen.

Ein gesundes Maß an Selbstkontrolle hilft uns unangemessene Impulse zu übergehen und gibt uns die Kapazität uns geeignetere Verhaltensweisen zu überlegen.

Auch wenn Menschen von Natur aus aggressiver veranlagt sind, können sie mittels Selbstkontrolle lernen je nach Anlass unterschiedlich zu reagieren und diesen Inhibitionsmechanismus dazu benutzen, Frustration und Provokation auszuhalten, ohne mit Gewalt zu reagieren. Das entspräche der erfolgreichen Sozialisation eines Straftäters.

Manchmal fehlt aber einfach die Stärke sich gegen einen Impuls zu wehren. Jeder Impuls hat eine bestimmte Stärke und so muss die Reaktion, die den Impuls verhindern soll, eine eben solche besitzen. Ist die Stärke zu gering zu wiederstehen, handeln wir, obwohl wir es später vielleicht bereuen könnten. So werden nachts, nachdem man seine Ressourcen am Tag sehr erschöpft hat, die meisten Diäten abgebrochen, aber auch die meisten Verbrechen begangen. Emotionaler Stress raubt uns diese Stärke und Kapazität ebenso.

Allerdings gibt es auch Menschen, denen diese Stärke chronisch fehlt und bei denen man schon im Kindesalter beobachten kann, dass sie sich in ihrer Entwicklung gegenüber anderen Kindern unterscheiden und zum Beispiel bei Experimenten, bei denen es um längerfristige Genugtuung, wie das bewusste Warten auf ein Stückchen Schokolade, geht, versagen. Dadurch kann relativ verlässlich vorhergesagt werden, dass diese Menschen auch im Erwachsenenalter unter ihrer fehlenden Selbstkontrolle leiden werden.

Ein weiterer Grund, der die Menschen in ihrer Gewaltbereitschaft unterscheidet, sind die Standards mit denen sie aufwachsen, oder die in dem Milieu gelten, in dem sie sich bewegen. Wie schnell sich ein Standard verändern kann sehen wir an dem Beispiel des Militärs. Anfangs haben die meisten Soldaten, die in den Krieg ziehen müssen, erfahrungsgemäß noch Hemmungen zu schießen. Doch mit der Zeit wird selbst das Schießen auf Menschen zu einer Aufgabe, die der Soldat in seiner Uniform nun einmal zu erledigen hat, auch wenn er sich dies früher nie zugetraut hätte.

Es kommt auch immer darauf an, inwiefern Gewalt in verschiedenen Kulturen gerechtfertigt werden kann. Bei uns wird sie zum Beispiel nur als Notwehr, zum Selbstschutz akzeptiert. Aber das bürgerliche Westeuropa ist nicht das Maß der Welt. Deswegen sollte man, um Vergleiche zu ziehen, stets die Standards der jeweiligen Kultur und Umwelt heranziehen.

Der wichtigste Aspekt der Selbstkontrolle scheint aber, Studien zufolge, eindeutig die Fähigkeit der Selbstbeobachtung, des self-monitoring zu sein. Denn ohne sich dessen gewahr zu werden, was in einem passiert, ist es absolut unmöglich sich und seine Impulse zu kontrollieren, da man sich erst ihrer bewusst wird, sobald sie ausgelebt wurden. Ohne Selbstbeobachtung keine Impulskontrolle.

Dies wird uns auch besonders deutlich gemacht durch die Tatsache, dass Alkohol diese Fähigkeit stark herunter setzt und dass Alkohol bei den meisten Straftaten eine nicht unwesentliche Rolle spielt. In vielen Fällen kann man sogar davon ausgehen, dass bewusst Alkohol konsumiert wird, um die eigene Hemmschwelle herunter zu setzen, mehr zu handeln statt zu denken.

Erschreckenderweise ist dies sogar die Methode der Wahl, um junge Soldaten auf die Schlacht vorzubereiten und sie von ihren eigenen Gewissensbissen abzuschirmen. Auch Nazi-Offiziere und KZ-Aufseher sollen angesichts der Unmenschlichkeit, der sie Tag für Tag ausgesetzt waren und die sie nüchtern vielleicht nicht ertragen oder zugelassen hätten, ständig sturzbetrunken gewesen sein. Wir müssen uns also selbst beobachten können, um unsere Impulse zu kontrollieren, uns aber auch unserer persönlichen Standards bewusst zu sein. Fehlt dies, führt das den Menschen einfacher in eine Art Deindividuation, in der nicht mehr das moralische Bewusstsein des Einzelnen, sondern die Dynamik und Kontrolle der Gruppe in den Vordergrund tritt.

Aber ist es wirklich so, um noch einmal auf unseren Ehemann vom Anfang zurück zu kommen, dass unser netter Schläger von nebenan nun einmal ein Problem mit seiner Selbstkontrolle hat und nicht anders kann, als in Stresssituationen seine Frau zu verprügeln? Gehen wir hier wirklich von einem Phänomen des Überwältigt seins aus, in dem kein Platz mehr für vernünftige Gedanken ist? Oder müssen wir im letzten Moment doch noch unser Einverständnis geben, dass unser Organismus sich in aggressiven Gesten ergehen kann? Es ist nämlich, auch juristisch, ein ganz gravierender Unterschied zwischen dem blanken Verlust und dem bewussten Abgeben der Selbstkontrolle. Deshalb ist zu klären, ob es eine endgültige Entscheidung darüber gibt, ob ein Impuls ausgeführt wird, oder ob er unterlassen wird. Denn bei der Frage, ob jemand wieder straffällig wird, müsste man überprüfen können, ob der Täter während seines kriminellen Handelns seine Impulse nicht zurückhalten konnte. Wenn das der Fall ist, dann müsste das Ziel einer Rehabilitation sein, das Unterdrücken unangebrachter Impulse zu lernen.

Nach Baumeister et al gibt es allerdings nur wenige Impulse, denen wirklich nicht widerstanden werden kann. Auch im Ernstfall müsse der Täter im letzten Moment immer noch sein bewusstes Einverständnis geben, um die Tat tatsächlich auszuführen. Dies spräche ganz entschieden gegen die Glaubhaftigkeit der Aussage eines Strafverteidigers, der beteuert, sein Mandant hätte wirklich nicht anders gekonnt, es sei einfach so passiert. Dies lässt sich psychologisch nicht rechtfertigen.

Berkowitz zitierte hierfür auch einen Mann, der wegen Körperverletzung am Liebhaber seiner Frau angeklagt war, und sich entschuldigte: „Ich habe sogar kurz daran gedacht, ihm die Flasche einfach über den Kopf zu hauen, aber ich wollte ihn ja nicht töten!“. Dieser gutgemeinte Beschwichtigungsversuch spricht eindeutig dafür, dass hier nicht ein vollkommener Kontrollverlust aus Eifersucht stattgefunden hatte, sondern der Ehemann sich bewusst darüber war, dass er den Lover gerade schwer verletzte. Ebenso stellte ein Gefängnispsychologe durch clevere Fragen heraus, dass auch ein Gewalttäter seine Frau immer nur so lange prügelte, wie er sicher sein konnte, dass sie die Schläge auch überleben würde.

Juristisch kritisch müsste man nicht nur die bewusste Kontrollabgabe betrachten, sondern auch die gesellschaftlich unterschiedlichen Muster von Gewalttoleranz. In benachteiligten Schichten sind Menschen, die Gewalt als Konfliktlösung anwenden, wahrscheinlich nicht nur von Wünschen nach Prestige und Ansehen gesteuert, sondern wachsen mit anderen Standards und Normen auf, die einen durchaus ‚großzügigeren‘ Umgang mit Gewalt beinhalten und diese in bestimmten Situationen eher als angebracht sehen würden, als zum Beispiel die amerikanische Oberschicht. Doch auch in Subkulturen wird Gewalt niemals verherrlicht, oder als etwas Positives gesehen und es herrschen Ideale wie der Respekt vor anderen. Es ist nur akzeptierter, in einigen Situationen einfach mal die Kontrolle zu verlieren.

Auch interessant ist, dass manche Malaysier ursprünglich buchstäblich Amok gelaufen und durchgedreht sind, wenn sie mit stressigen Situationen konfrontiert waren, denn es war allgemein akzeptiert, dass dies passieren konnte. Doch als das Volk plötzlich unter britischer Herrschaft stand und jene ‚Amokläufer‘ eingesperrt wurden, sank die Quote der Malaysier, die spontan die Kontrolle verloren, was darauf hinweist, dass uns die Gesellschaft vorgibt, was erlaubt ist und was nicht. So kann Gewalt gesellschaftlich verbreiteter sein, ohne dass sie verherrlicht wird. Eine Gesellschaft steckt nur die Grenzen, bis zu denen Provokation und aggressive Reaktionen aus- und zurückgehalten werden sollten.

Allgemein ist es aber schwieriger Wut herunter zu schlucken, als der Befreiung nachzugeben, sie auszuleben. So wissen Menschen, die das Rauchen oder Trinken aufgeben wollten, wie schwer es wirklich sein kann, die eigene Selbstkontrolle zu bewahren.

Nach Baumeister ist der Mangel an Selbstkontrolle sogar die Krankheit der modernen Gesellschaft, was er uns durch aktuelle Probleme wie --- vor Augen führt.

Aggression and the self: high self-esteem, low self-control, and ego threat ; Roy F. Baumeister und Joseph M. Boden

Self regulation failure –an overview ;Baumeister, Heatherton

The self in social psychology; Roy F. Baumeister

http://de.academic.ru/pictures/dewiki/72/Hamilton-burr-duel.jpg

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http://usu-shaft.com/wp-content/uploads/stoning_iran_honor_killing.gif

http://www.schotterblume.de/folge/folgen-narzissmus-01.jpg

http://www.merkur-online.de/bilder/2009/02/13/74104/1811928486-bordell-puff-muenchen-freimann.9.jpg

http://www.thefuturejew.com/image/belsen01.jpg

Geschlechtsunterschiede

Susanne Annemone Köhler

Eine von Bettencourt und Miller im Jahre 1996 veröffentlichte Metaanalyse befasst sich mit
Geschlechtsunterschieden bzgl. Aggression und dem Effekt der Provokation. Die
Ergebnisse der 64 Studien umfassenden Metaanalyse sollen hier zu Beginn genauer beleuchtet
werden, bevor anschließend auf die möglichen Ursachen der Geschlechterunterschiede bzgl.
Aggression näher eingegangen wird.
Im Kontext des Themas Aggression, Geschlechter & deren Unterschiede, Aggressivem
Verhalten & Provokation können folgende beispielhafte Fragen von Interesse formulieren
werden, die durch die vorliegende Ausarbeitung beantwortet werden sollen:
· Was für einen Einfluss hat Provokation auf das aggressive Verhalten beider
Geschlechter?
· Beeinflusst Aggression der Geschlechterunterschiede bzgl. aggressiven Verhaltens?
· Macht die Art der Provokation einen Unterschied?
· Bewerten Frauen und Männer die ihnen entgegengebrachte Provokation subjektiv
unterschiedlich?
· Gibt es Geschlechterunterschiede in den Arten & Ausdrucksformen der Aggression
die jeweils von Männern und Frauen gezeigt werden?
· Lassen sich Unterschiede verzeichnen wenn man das Geschlecht des
Aggressionsempfängers betrachtet? Spielt es eine Rolle ob es sich dabei um ein
weibliches oder ein männliches Ziel handelt? Was ist bei der Konstellation zu
beobachten wenn Aggressionssender & -empfänger vom gleichen Geschlecht sind?
· Macht es einen Unterschied welches Geschlecht eine weitere anwesende Person hat?
(Da es sich beim besprochenen vorliegenden Material um eine Metaanalyse handelt,
können in diesem Zusammenhang ausschließlich Situationen innerhalb eines
experimentellen Rahmens betrachtet werden. In solchen Fällen handelt es sich bei den
anwesenden männlichen oder weiblichen Personen um die beaufsichtigenden
Versuchsleiter.)
Vorab lassen sich bereits folgende Annahmen über den Zusammenhag Geschlecht &
Aggression formulieren:
Es wird angenommen dass Aggression generell von sowohl den Geschlechterunterschieden
als auch von der Provokation die den Versuchspersonen in den Studien entgegengebracht
worden ist abhängig ist.
Metaanalyse Ergebnisse – beide Geschlechter:
Als Phänomene die beide Geschlechter betreffen konnten folgende Ergebnisse festgehalten
werden
· Wie bereits vermutet bestätigte sich einer der vorab angenommenen Haupteffekte.
Provozierte Probanten beider Geschlechter sind aggressiver als nicht Provozierte.
· Die Geschlechtsunterschiede bzgl. des aggressiven Verhaltens sind unter neutralen
Bedingungen ausgeprägter.
· Provokation minimiert die Geschlechterunterschiede bzgl. Aggression
· Der Grad/das Ausmaß der Geschlechterunterschiede ist abhängig von der Art der
Provokation.

· Bei der Analyse verschiedener Studien innerhalb der hier vorgestellten Metaanalyse
durch männliche & weibliche unabhängige Bewerter zeigt sich, dass diese die
Versuchsbedingungen & -situationen unterschiedlich provozierend einschätzten.
· Unter Provokationsbedingungen treten Geschlechtsunterschiede bei physischer
Aggressivität signifikanter zu Tage als bei verbaler Aggressivität, bei der die
Geschlechtsunterschiede nicht so merklich ausfallen
Metaanalyse Ergebnisse – Männer:
Die Ergebnisse der Metaanalyse, die sich explizit auf das männliche Geschlecht beziehen
fallen wie folgt aus:
· Männer sind generell aggressiver als Frauen.
· Männer verhalten sich bei Provokation aggressiver als unter neutralen Bedingungen
Situationsbewertung
Männer bewerten Situationen die entweder doppeldeutig oder frei von offensichtlicher
Provokation sind schneller und häufiger als provozierend. Als Ursache dafür kommen sowohl
Geschlechterrollenaspekte als auch biologische Faktoren in Frage. Unabhängig davon kann
darüber hinaus auch angenommen werden, dass solche doppeldeutigen und uneindeutigen
Provokationssituationen eher den Situationen des Alltags zuzusprechen sind mit denen wir
täglich konfrontiert sind. Daraus lässt sich im Gegenzug ableiten, dass Männer im Alltag öfter
aggressives Verhalten zeigen da sie eine höhere Anzahl an Situationen als provokativ
interpretieren.
Bei einem Angriff auf ihren Intellekt reagieren Männer mit einem relativ hohen Level an
Aggression (siehe dazu auch die nähere Ausführung unter dem Oberpunkt der Frauen).
Ausdrucksformen
In den diversen Versuchsbedingungen zeigten sowohl unprovozierte als auch provozierte
Männer ein aggressiveres Verhalten wenn die Ausdrucksform aus physischer Aggression
(manuelle Elektroschocks oder –Lärmgabe) bestand. Wurde im Rahmen der
Versuchsmethodik allerdings aggressives Verhalten als Reaktion explizit „verlangt“ so traten
nur noch geringfügigere Geschlechtsunterschiede zu Tage.
Geschlecht des Aggressionsempfängers:
Es konnte beobachtet werden, dass Männer unter neutralen wie unter
Provokationsbedingungen dazu neigen sich gegenüber ihrem eigenen Geschlecht aggressiver
zu verhalten, was möglicherweise von ihren sozialen Geschlechterrollen und zivilen Normen
herrührt welche es ihnen untersagt gegenüber Frauen Aggressivität zu zeigen. Vergleicht man
das männliche Verhalten unter dem Lichte dieses Aspekts lässt sich ein signifikanter
Geschlechterunterschied dahingehend ausmachen, dass sich Frauen unter der Abwesenheit
von Provokation gegenüber ihrem eigenen Geschlecht nicht aggressiv verhalten. Dieser
Geschlechterunterschied minimiert sich jedoch sobald Frauen provoziert werden, dann richten
sie ihre Aggression ebenso gegen ihr eigenes Geschlecht.
Geschlecht der anwesenden Personen:
Bei den männlichen Versuchsteilnehmern machte es keinen Unterschied ob der Versuchsleiter
dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugehörig war. Die gezeigte Aggression wurde
nicht vom Geschlecht der anwesenden Person beeinflusst.
Metaanalyse Ergebnisse – Frauen:

Die Ergebnisse der Metaanalyse, die sich explizit auf das weibliche Geschlecht beziehen
fallen wie folgt aus:
· Frauen verhalten sich aggressiver bei Provokation im Vergleich zu neutralen
Bedingungen.
· Obwohl Männer unter neutralen Bedingungen aggressiver sind als Frauen übertrifft
der Effekt der Provokation bei Frauen den, den die Provokation bei Männern hat.
Art der Provokation:
Frauen bleiben im Gegensatz zu Männern durch eine negative Intelligenzrückmeldung
unprovoziert.
Bspw. waren große Geschlechtsunterschiede bei Studien zu beobachten die sich als
Provokationsart dem Mittel einer negativen Intelligenzrückmeldung bedienten. Van
Goozen (1994) fand heraus, dass weibliche Versuchsteilnehmer, im Gegensatz zu
männlichen, relativ gelassen & ohne Provokation auf eine gefälschte Rückmeldung
reagierten, die sich in negativer Weise auf ihre Intelligenz bezog. Stattdessen drückten
sie in einer solchen Situation eher Enttäuschung & Traurigkeit aus, was vermutlich mit
ihrer Geschlechterrolle zusammen hängt (nähere Erläuterung zu den Geschlechterrollen
siehe weiter unten).
Ähnliches konnten Pytkowicz, Wagner & Sarason (1967) feststellen. Mit einer
ähnlichen Versuchsmethodik fanden sie heraus, dass weibliche Versuchsteilnehmer
nach der negativen Rückmeldung nicht mehr Feindlichkeit verspürten als nach einer
positiven Intelligenzrückmeldung. Sie erklärten dies mit der geringeren Erwartung von
Frauen über ein erfolgreiches Abschneiden bei Aufgaben wie sie in Intelligenztests
verwendet werden, was dann durch die negative Rückmeldung Bestätigung findet. Eine
weitere Erklärungsmöglichkeit ähnelt die von Van Goozen nach der Frauen sich als
Ergebnis der negativen Rückmeldung eher traurig und beschämt fühlen und keinen
Anlass dazu sehen die Autoritätsperson in Form des Versuchsleiters anzugreifen.
Frauen werden dagegen durch physische Angriffe oder Beleidigungen viel aggressiver.
Situationsbewertung:
Im Rahmen der hier vorgestellten Metaanalyse stuften weibliche unabhängige Bewerter die
unterschiedlichen Versuchsbedingungen & -situationen subjektiv generell als weniger
provozierend ein. Sie identifizierten jedoch eine größere Anzahl an Situationen als solche, bei
der die Gefahr einer Vergeltung bestehen könnte und unterscheiden sich in diesem vom
anderen Geschlecht. Je mehr Angst die Frauen in den Versuchsbedingungen vor einem
Vergeltungsschlag hatten, desto umfangreicher kamen die zuvor schon erwähnten
eigentlichen Geschlechtsunterschiede zum tragen. Dies ist besonders interessant, da die
experimentellen Bedingungen für Männer wie für Frauen objektiv absolut identisch waren
und die experimentellen Paradigmen darüber hinaus keinen bis nur wenig Grund zur
Annahme gaben, dass die Aggressionsempfänger die Möglichkeit eines Vergeltungsschlages
hätten. Bei der Bewertung des negativen Affektes einer Situation hingegen waren keine
Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu verzeichnen.
Ausdrucksformen:
Viel mehr als auf physische Aggression hat bei Frauen Provokation einen Einfluss auf die
verbale Aggression, welche vom weiblichen Geschlecht eher gezeigt wird. Daraus resultieren
hinsichtlich dieser Aggressionsform weniger große Geschlechterunterschiede, auch nicht
unter neutralen Bedingungen. Wenn die Versuchsaufbauten das Zeigen verbaler Aggression
eher erlaubten, dann konnte Provokation bei Frauen einen größeren Effekt erzielen, als wenn
innerhalb des Versuchsaufbaus lediglich physischer Aggression als Ausdrucksform
vorgesehen war.

Adoleszente Mädchen und Frauen zeigen eher indirekte soziale Aggression in Form von
Lästern, Ausgrenzen oder jemanden ignorieren bzw. sich weigern mit der betroffenen Person
zu sprechen.
Darüber hinaus nehmen Frauen eher alternative Handlungsmethoden als Reaktion auf
Provokation wahr um nicht zwangsläufig aggressiv zu reagieren. Yinon, Jaffe & Feshbach
untersuchten 1945 den Gebrauch von nicht aggressiven Verhaltensalternativen wenn es dem
Versuchsteilnehmer offen gelassen wird als Rückmeldung an andere Personen zwischen
einem roten Lichtsignal oder der Verabreichung eines Elektroschocks zu wählen. Nur 2 von
20 Männern (10%) aber 5 von 14 Frauen (36%) bezogen das rote Signallicht in Ihre
Rückmeldungen mit ein.
Geschlecht des Aggressionsempfängers:
Frauen neigen unter neutralen Bedingungen weniger als Männer dazu gegenüber ihrem
eigenen Geschlecht aggressives Verhalten an den Tag zu legen. Wie oben bereits erwähnt
verschwindet dieser Geschlechtsunterschied unter Provokationsbedingungen was zur Folge
hat, dass sich Frauen gegenüber gleichgeschlechtlichen Zielen ebenso aggressiv verhalten wie
Männer.
Geschlecht der anwesenden Personen:
Handelte es sich bei dem Versuchsleiter um eine Frau, so war bei weiblichen
Versuchsteilnehmern ein wesentlich größerer Unterschied im aggressiven Verhalten zwischen
neutralen und Provokationsbedingungen zu beobachten, als unter der Anwesenheit eines
männlichen Versuchsteilnehmers. Dies ist vermutlich auch ein Effekt der sozialen
Geschlechterrolle der Frau der sie dazu veranlasst aggressive Verhaltensweisen in
Anwesenheit eines Mannes mehr zu zügeln bzw. zu unterbinden.
Metaanalyse – Zusammenfassung
Nach dem oben erwähnten lässt sich als Ergebnis der Metaanalyse folgendes
zusammenfassen:
Männer sind generell aggressiver als Frauen.
Der Effekt der durch Provokation verursacht wird reduziert die Geschlechtsunterschiede
bezüglich des gezeigten aggressiven Verhaltens außerordentlich.
In dieser Überlegung sollte außerdem berücksichtigt werden, dass in allen betrachteten
Studien Provokationsstufen zum Einsatz kamen, die von Unabhängigen als „moderat“
bewertet wurden. Somit ist davon auszugehen, dass sich unter wirklich hohen Formen von
Provokationsintensitäten vermutlich keine Unterschiede mehr zwischen den Geschlechtern zu
verzeichnen sind.
Die Art der Provokation besitzt bezüglich des gezeigten Aggressionsausmaßes sowie den
Geschlechterunterschieden bzgl. Aggression einen Vorhersagecharakter.
Männer & Frauen weisen eine unterschiedliche Wahrnehmung von Provokationsintensitäten
auf die mit den Geschlechterunterschieden bzgl. aggressiven Verhaltens assoziiert werden
kann.

Ursachen für Unterschiede: Biologische Gründe
Die männlichen Geschlechtshormone lassen sich unter dem Sammelbegriff „Androgene“
zusammenfassen, deren wichtigster Vertreter das Testosteron ist. Es wird in der
Nebennierenrinde und dem Hoden des Mannes gebildet und hat ein breites
Wirkungsspektrum. Hoden, Anhangsdrüsen, sekundäre Geschlechtsmerkmale, sexuelles
Verhalten und allgemeiner Stoffwechsel werden durch dieses Steroidhormon (Steroid das als
Hormon wirkt) beeinflusst. Auch die Nebenniere & Eierstöcke der Frau produzieren
Testosteron, welches allerdings im weiblichen Körper eine viel geringere Konzentration
aufweist. Eine Kastration, wie sie z.B. in einer der folgenden vorgestellten Studien
vorgenommen wurde, beeinträchtigt die Testosteron- & Spermienbildung.
Verhaltensforschung
Aus der Verhaltensforschung ist bekannt dass in den meisten Primatenarten die männlichen
Tiere aggressiver sind als weibliche. Diese höhere Aggressivität entwickelt sich schon vor der
Geburt durch die Wirkung der männlichen Geschlechtshormone. Belegen konnte dies z.B.
Kummer (1982) indem er weibliche Primaten schon vor der Geburt mit männlichen
Geschlechtshormone behandelte und beobachtete das diese später hoch aggressiv waren. Den
umgekehrten Effekt berichtete er bei im Alter von drei Monaten kastrierten Männchen, die
noch vor der Pubertät zehnmal aggressiver waren als normale Weibchen.
Seine Beobachtungen führten Kummer zu dem Ergebnis das Testosteron aggressives
Verhalten verursacht.
Aktuellere Forschungsergebnisse kommen zu den gleichen Schlussfolgerungen.
Giammanco und Kollegen (2005) untersuchte den Einfluss von Testostern auf das
Unterwerfungs- & Aggressionsverhalten von zwei oder mehr männlichen Ratten und Mäusen
die sich im selben Käfig aufhielten. Mit steigender neuronalen Androgenisierung stieg die
gegenseitige Tötungsrate. Weiter wird erwähnt dass Testosteron bei Affen in Zusammenhang
mit Aggression & Dominanz in Zusammenhang steht. Während der Paarungszeit erhöht sich
der Testosteronspiegel der Männchen und vermehrt aggressives Verhalten kann beobachtet
werden.
Testosteron & Verhalten beim Menschen
Testosteronrezeptoren befinden sich zum überwiegenden Teil in Neuronen des
Hypothalamus, wo sie in Östrogene umgewandelt werden die den Anstieg an Aggression
bedingen. Außerdem konnte ein Zusammenhang zwischen Serotonin und Aggression
dahingehend gezeigt werden, dass ein Serotoninmangel zu aggressiverem Verhalten führt (gilt
für Mensch & Tier). Auch das ADH Level in der Amygdala steigt durch Testosteron, was
einen Anstieg des Blutdrucks zur Folge hat.
Laut Giammanco & Kollegen (2005) wurden höhere Testosteronspiegel bei folgenden
Personengruppen festgestellt: Gewaltverbrecher, Soldaten mit antisozialem Verhalten,
Personen mit impulsiven Verhalten, Alkoholabhängige, Selbstmordgefährdete, Athleten die
Steroide einnahmen sowie Athleten während Wettkämpfen.
Video: Beispiel eines Patienten der durch eine Veränderung der Gehirnstruktur (Tumor der
den Hypothalamus beeinflusst hat) einen eklatanten Zuwachs in seinem aggressiven
Verhalten erfahren hat. (ab Minute 1:49)

http://www.youtube.com/watch?v=svP7-L2Zu3M

Ein angeborener Aggressivitätsunterschied bedeutet jedoch nicht, dass dieser nicht durch
Kultur, Geschlechterrollen und Lernen beeinflusst werden kann.


Lerntheorie:
Die Lerntheorie unterscheidet zwischen
dem Erwerb von Verhaltensweisen die ein destruktives Potential bergen und denFaktoren die darüber entscheiden ob ein solches Verhalten auch ausgeführt wird. In
anderen Worten ausgedrückt: Nicht alles Gelernte wird auch in eine Handlung umgesetzt.
Aus der Perspektive der Lerntheorie zeichnet sich im Bereich der Aggression ein bedeutsamer spezifischer Unterschied zwischen den Geschlechtern ab.
Unter anderem zeigte Bandura (1979) dass Jungen beträchtlich mehr aggressive
Verhaltensweisen reproduzieren als Mädchen, besonders wenn die Aggression
eines Modells belohnt wird. Mädchen zeigen typischerweise weniger Aggression, da sie lernen dass sie nichtaggressiv sein sollen/dürfen; im Gegensatz zu Jungen die vermittelt bekommen, dass physische Aggression angebracht ist und sogar manchmal erstrebenswert.
Wird beiden Geschlechtern allerdings ein positiver Anreiz für das Zeigen aggressiven
Verhaltens geboten, so zeigen Mädchen annähernd gleich viele aggressive Handlungen wie
Jungen. (siehe dazu Abbildung 1)
Abb. 1. Jungen zeigen mehr aggressive Verhaltensweisen als Mädchen (nach Bandura, 1979).

Jenes Phänomen erklärt Bandura damit, dass Mädchen Aggression im gleichen Maße lernen,
somit ein ähnliches Aggressionspotential aufweisen, dieses aber im tatsächlichen Verhalten
nicht so häufig zeigen.
Soziale Geschlechterrollen:
Im Folgenden wird das Phänomen der Aggression aus der Perspektive der sozialen
Geschlechterrollen betrachtet. Die vielfältigen Unterschiede hinsichtlich der sich Männer und
Frauen unterscheiden werden als Folge einer nach Geschlechtsrollen differenzierten
Sozialisation gesehen. Je nach Kultur werden dabei verschiedene Normen vermittelt.
Solche Eindrücke verhelfen im weiteren Verlauf der Entwicklung dazu die Geschlechter
richtig zu bezeichnen und bilden eine Grundlage für die Stereotypenbildung. Laut Kohlberg
(1966) ist das der Ausgang für die Ausbildung der entsprechenden geschlechtsspezifischen
Verhaltensstile.
Erste geschlechtsbezogene Eindrücke hinsichtlich Aussehen, Verhalten, Aufgaben &
Vorlieben werden von kleinen Kindern schon gesammelt bevor sie Jungen & Mädchen bzw.
Männer & Frauen als solches benennen können.
Kuhn und Kollegen (1978) konnten belegen, dass bereits Kinder ab 2 Jahren bestimmte
Rollenzuweisungen vornehmen. In dem dazu durchgeführten Experiment wiesen die Kinder
den auf Bildern dargestellten Situationen geschlechtsspezifische Aussagen zu indem sie
zwischen einer weiblichen und einer männlichen Puppe wählten und diese der jeweiligen
Situation und Aussage zuordneten. (siehe Abbildung 2) Beispiel: Zur Abbildung einer
Küchenszene wurden sie gefragt welche Puppe wohl sage „ich helfe gerne der Mutter
kochen“.

Interessant war für die Forscher außerdem zu beobachten dass Zweijährige ausschließlich
Stereotype zu Erwachsenentätigkeit angaben wohingegen Gleichaltrige erst ab 3,5 Jahren
durch die „Stereotypbrille“ gesehen wurden.
Dies verdeutlicht dass die spezifischen Geschlechterrollen und die dazugehörigen
Verhaltensweisen bei Menschen schon in jungen Jahren verankert sind.
Abbildung 2. Stereotype Ansichten von Kindern (nach Bischof-Köhler, 2002)
Oberes Drittel: Aussagen die Mädchen über Mädchen und Jungen treffen
Unteres Drittel: Aussagen die Jungen über Mädchen und Jungen treffen
Mitte: Aussagen die Mädchen & Jungen über Mädchen & Jungen treffen





Geschlechtsbezogene Normvorstellungen, finden sich kulturübergreifend. D’Andrade nahm
1967 eine Auswertung der „Human Realtion Area Files“ – eine Sammlung aller verfügbaren
Daten über 565 verschiedene Kulturen – vor und kam zu einer Aufstellung überwiegend
männlicher & weiblicher Tätigkeiten die kulturübergreifend als den jeweiligen Geschlechtern
zugehörend gesehen wird (siehe Abbildung 3).
Abb. 3. Männliche & weibliche Tätigkeiten (nach Bischof-Köhler, 2002)
Konsistent mit dieser Theorie berichteten auch Lightdale & Prentice (1994) über das
Phänomen der Deindividualisierung und Aggression. Deindividualisierung ist ein Zustand der
außerordentlichen Reduktion sozialer Identifizierbarkeit, oft direkt assoziiert mit Anonymität,
der ein Gefühl von Unzulänglichkeit erzeugt. Das Individuum fühlt sich namenlos und
unbeaufsichtigt, sogar wenn er/sie Teil einer großen Gruppe ist. Die Forscher versetzten
männliche und weibliche Versuchspersonen in einen solchen beschriebenen Zustand und
fanden heraus, dass das Gefühl der Deindividualisierung das Bewusstsein über die jeweiligen
Geschlechterrollen abschwächt was zur Folge hat, dass sich Männer und Frauen im gleichen
Maße aggressiv verhalten.


Abb. 4 Vergleich von Situationen mit und ohne Geschlechterrollenbewusstsein
(nach Lightdale & Prentice, 1994)

Interessante Phänomene
Im Folgenden möchte ich noch auf einige Phänomene hinweisen, die unter Einbezug des
zuvor Dargestellten sehr interessant erscheinen.
Malone, J., Tyree, A. & O’Leary, D. K. fanden 1989 heraus, dass sich Männer und Frauen in einer
intimen Beziehung gleich aggressiv verhalten. In einer Längsschnittstudie wurden 272
frisch verheiratete Paare untersucht.
Überraschenderweise berichteten mehr Frauen als Männer über aggressive
Handlungen gegenüber ihrem Partner vor der Hochzeit (44% vs. 31%), nach 18 Monaten waren es noch 36% vs. 27%. (siehe auch Abbildung 4).
Die üblichsten Arten vorn Aggression zwischen Partnern sind: Stoßen, Schubsen,
Packen und Schlagen. Die aggressiven Handlungen von Frauen verursachen bei ihrem Partner
jedoch weniger Angst und weniger physische Schäden als umgekehrt.
Der größere Anteil an „Mann-zu-Frau Aggression“ geht mit mehr ernstzunehmenden physischen und psychischen
Schäden einher, weshalb in Betracht gezogen werden kann, dass die höheren Zahlen der
Aggression von Frauen aus einer sich selbstverteidigenden Situation herrühren.
Zusammenfassend kann man zu dem besorgniserregenden Schluss kommen dass Aggression
zwischen Partnern relativ üblich zu sein scheint.


Abb. 5 Auftreten aggressiver Handlungen





Literatur
Bandura, A. (1979). Aggression: eine sozial-lerntheoretische Analyse. Stuttgart: Klett-Cotta
Bettencourt, A. B., Miller, N. (1996). Gender Differences in Aggression as a Function of
Provocation: A Meta-Analysis. Psychological Bulletin. 3, 422-447
Bischof-Köhler, D. (2002). Von Natur aus anders. (1. Auflage). Suttgart: Kohlhammer
D’Antrade, R.G. (1966). Sex differences in cultural institutions. In E. Maccoby (Hg.). The
development of sex differences. Stanford: Stanford University Press, 173-204
Giammanco, M. et al. (2005). Testosterone and aggressiveness. Med. Science Monitor, 11
Heinemann, E. (1996). Aggression verstehen und bewältigen. (1. Auflage). Heidelberg:
Springer-Verlag
Kohlberg, L. (1966). A cognitive-developmental analysis of children’s sex-role concepts and
attitudes. In E. Maccoby (Hg.). The development of sex differences. Standford: Stanford
University Press, 82-173
Kuhn, D., Nash, S. O. & Brucken, L. (1978). Sex role concepts of two- and three-year-olds.
Child Development. 49, 445-451
Kummer, H. (1982). Aggression bei Affen. In: Hilke, R., Kempf, W. (Hrsg.). Aggression.
Naturwissenschaftlich und kulturwissenschaftliche Perspektive der Aggressionsforschung.
Huber, Bern
Lightdale, J. R., Prentice, D. A. (1994). Rethinking Sex Differences in Aggression:
Aggressive Behavior in the Absence of Social Roles. Personality and Social Psychology
Bulletin. 20, 34-44
O’Leary, K. D., Barling, J., Arias, I., & Rosenbaum, A. (1989). Prevalence and Stability of
Physical Aggression Between Spouses: A Longitutinal Analysis. Journal of Consulting and
Clinical Psychology. 2, 263-268
Pytkowicz, A. R., Wagner, M. H., & Sarason, I. G. (1967). An experimental study of the
reduction of hostility through fantasy. Journal of Personality and Social Psychology. 5, 295-
305
Van Goozen, S. H. M., Frijda, N. H., Kindt, M., & Poll, N. E. van de. (1994). Anger
proneness in women: Development and validation of the anger situation questionaire.
Aggressive Behavior. 20, 79-100
Yinon, Y.M., Jaffe, Y.M., & Feshbach, S. (1975). Risky aggression in individuals and groups.
Journal of Personality and Social Psychology. 31, 808-815


Web:

Abbildungen:
Abb. 1.
nach Heinemann, E. (1996). Aggression verstehen und bewältigen. (1. Auflage). Heidelberg:
Springer-Verlag, S. 57
Abbildung 2.
nach Bischof-Köhler, D. (2002). Von Natur aus anders. (1. Auflage). Suttgart: Kohlhammer,
S. 74
Abb. 3.
nach Bischof-Köhler, D. (2002). Von Natur aus anders. (1. Auflage). Suttgart: Kohlhammer,
S. 165
Abb. 4
Lightdale, J. R., Prentice, D. A. (1994). Rethinking Sex Differences in Aggression:
Aggressive Behavior in the Absence of Social Roles. Personality and Social Psychology
Bulletin. 20, S. 38
Abb. 5
O’Leary, K. D., Barling, J., Arias, I., & Rosenbaum, A. (1989). Prevalence and Stability of
Physical Aggression Between Spouses: A Longitutinal Analysis. Journal of Consulting and
Clinical Psychology. 2, S. 265

Einfluss der Persönlichkeit auf aggressives Verhalten

Anna Förster


Einfluss der Persönlichkeit auf aggressives Verhalten
(Aggressionsseminar WS 10/11, Anna Förster)
Um den Einfluss der Persönlichkeit auf aggressives Verhalten zu beleuchten, ist
zunächst eine Betrachtung der Entwicklung aggressiven Verhaltens im Kindes- und
Jugendalter sinnvoll. Danach werde ich dann auf die spezifischen
Charaktereigenschaften eingehen, die das individuelle Aggressionsverhalten im
Erwachsenenalter ausmachen.
Loeber und Hay (1997) haben diverse Fragen entwickelt um aggressives
Verhalten bei Kindern zu untersuchen. Dabei geht es auch um die Differenzierung
zwischen altersgerechtem und nicht-altersgerechtem Verhalten, denn in einem
gewissen Umfang ist aggressives Verhalten bei Kindern völlig normal und wird auch
von den meisten gezeigt.
Die erste Frage lautet: „Wann tritt aggressives Verhalten zum ersten Mal auf
und wie äußert es sich in Kindheit, Jugendalter und frühem Erwachsenenalter?“
(nach Loeber & Hay,1997, zitiert nach Krahé, 2001). Untersuchungen zeigten, dass
Säuglinge etwa ab dem dritten Monat im Gesicht ihrer Eltern Ärger erkennen können.
Bereits ab der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres gelingt es ihnen dann dieses
Verhalten zu imitieren und somit selbst ihrem Frust Ausdruck zu verschaffen. Im
zweiten und dritten Lebensjahr entstehen die ersten Konflikte mit Gleichaltrigen.
Auch Wutanfälle und körperliche Gewalt fügen sich in das Handlungsrepertoire mit
ein. In den ersten Schuljahren bilden sich dann Geschlechterunterschiede heraus.
Jungs sind im Allgemeinen aggressiver als Mädchen. Mädchen zeigen eher verbale
und relationale Aggressionen, d.h. lästern, ausschließen anderer Gleichaltriger,
Beschimpfungen, etc.
Im Jugendalter und frühem Erwachsenenalter nehmen Aggressionen
grundsätzlich ab. Vor allem Mädchen ersetzen aggressives Verhalten eher durch
andere Bewältigungsstrategien. Bleibt jedoch aggressives Verhalten anwesend, so
wird sein Muster und Level gefährlicher. Ein Grund ist die Sozialisierung der Gewalt.
In diesem Alter bilden sich Gangs die aggressives Verhalten verherrlichen.
Außerdem spielt der Besitz von Waffen eine wesentliche Rolle. In einer
Langzeitstudie aus Carolina von Cairns und Cairns (1994) wurde ermittelt, dass dort
mehr als die Hälfte der unter 16 jährigen eine Schusswaffe besitzt und sogar 81% in
einem Haushalt mit Schusswaffe leben. Der Zugang zu diesen Waffen für
Jugendliche ist also in einigen Ländern sehr leicht.
In diesem Zusammenhang kam es auch innerhalb des Seminars zur
Diskussion, in der sowohl argumentiert wurde, dass die Präsenz von Waffen
Aggressionen fördert, als auch, dass Waffen keinen Einfluss haben sofern Kindern
die richtige Einstellung dazu lernen. Es wurde beispielsweise der Vergleich von
Kanada und den USA genannt, in denen die Anwesenheit von Waffen in etwa gleich
ist, die Kriminalität jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Die Anwesenheit von
Waffen allein, scheint also nicht entscheidend für aggressives Verhalten.
Die zweite Frage die Loeber und Hay (1997) formulierten beschäftigt sich
damit wie überdauernd frühe Auftretensweisen von aggressiven Verhalten bei
Kindern sind, wenn sie älter werden. Um diesen Aspekt auf der Gruppenebene zu
betrachten, fertigte Olweus (1979) aus 16 Studien eine Stabilitätsschätzung über
männliche Aggressivität an. Es ergaben sich folgende Stabilitätskoeffizienten: nach
einem Jahr r=0,76; nach fünf Jahren r=0,69; nach zehn Jahren r=0,6. Zunächst zeigt
sich, dass Aggressivität relativ stabil ist und mit steigendem Alter eher sinkt. Dabei ist
aber zu beachten, dass es auf individueller Ebene sowohl die Entwicklung von
aggressiven Verhalten zu weniger aggressiven Verhalten gibt also auch die konträre
Entwicklung von nicht-aggressiven zu aggressiven Verhalten.
Des Weiteren fragten sich Loeber und Hay (1997) ob die Entwicklung von
aggressivem Verhalten einem Eskalationsmuster folgt. Dabei muss man zunächst
zwischen einer kurzfristigen und langfristigen Eskalation unterschieden werden. Bei
der langfristigen Eskalation nimmt die Schwere des aggressiven Verhaltens von der
Kindheit bis in das Erwachsenenalter allmählich zu. Bei der kurzfristigen Eskalation
hingegen, zeigt sich aggressives Verhalten plötzlich ohne vorangegangenes
auffälliges Verhalten.
Abb. 1 zeigt die langfristige Eskalation auf der Gruppenebene
bei Jungen. Untersucht wurden geringere Aggressionen, körperliche Kämpfe und
Gewalt. Als erstes treten bei Kindern geringere Aggressionen auf wie beispielsweise
das Hänseln von Gleichaltrigen. Später, ab etwa sechs Jahren, nutzen sie dann auch
körperliche Kämpfe, welche aber auch schnell das Auftretensniveau der geringeren
Aggressionen erreichen. Gewaltverhalten setzt am spätesten ein und bleibt auch weit
unter der Auftretenswahrscheinlichkeit der anderen Aggressionen, aber erreicht mit
etwa 15 bis 20 Prozent ein beachtliches Level.


Abb. 1 Kulmulativer Onset von Aggressionen bei Jungs (Krahé, B. (2001). Individual differences in aggression. The Social Psychology of Agression, S.52)

Außerdem zeigten Moffitt et al. (1996), dass 73% der Straftäter die mit 18 Jahren für
eine Gewalttat verurteilt wurden, bereits in ihrer Vergangenheit regelmäßig durch
unsoziales Verhalten aufgefallen sind. Andererseits findet sich an dieser Stelle auch
die kurzfristige Eskalation. Denn genauso waren 23% der Verurteilten in ihrem
Verhalten vorher unauffällig. Mögliche Gründe für eine kurzfristige Eskalation können
starke Unterbindung von aggressiven Verhalten in der Vergangenheit, geringes
Selbstbewusstsein und Zuwendung zu anderen aggressiven Gruppen sein.
„Welche sind die emotionalen und kognitiven Ursachen für aggressives
Verhalten?“ (nach Loeber & Hay, 1997, zitiert nach Krahé, 2001). Emotionale
Ursachen sind Defizite in der emotionalen Regulation und Impulskontrolle. Kindern
mit diesen Schwierigkeiten wird oft ein schwieriges Temperament zugeschrieben und
dementsprechend wird das Verhalten der sozialen Umwelt ihnen gegenüber
beeinflusst. Auf kognitiver Ebene haben sowohl eine niedrigere Intelligenz und
Aufmerksamkeitsstörungen als auch Einstellungen einen großen Einfluss.
Einstellungen entwickeln sich durch die eigenen Eltern und Medien und können dafür
verantwortlich sein, dass Aggressionen als legitime Handlung angesehen werden.
Des Weiteren gibt es Kinder, die unverhältnismäßig oft die Absichten Gleichaltriger
als feindselig interpretieren und somit auch mit aggressivem Verhalten reagieren. Je
öfter sie solche Situationen erleben, desto mehr festigt sich dieses
Handlungsschema.
Zuletzt beschäftigten sich Loeber und Hay (1997) noch mit der Rolle des
sozialen Umfeldes bei der Entstehung und Fortdauer von aggressiven
Verhaltensmustern. Wie bereits erwähnt prägen Gewalt in der Familie und in den
Medien die Einstellungen der Kinder und damit ihre Verhaltensmuster. Schon im
Alter von sechs Jahren werden unangemessen aggressive Kinder von Gleichaltrigen
abgegrenzt. Dadurch zeigen diese dann noch aggressiveres Verhalten was ihre
Isolation weiter fördert. Die Zuwendung zu anderen aggressiven Gleichaltrigen
fördert diese negative Entwicklung weiter. Trotzdem muss dieser Zustand nicht bis in
das Erwachsenenalter halten.
Nach der Betrachtung der Entwicklung aggressiven Verhaltens bei Kindern, werde
ich nun die Charaktereigenschaften betrachten, die das individuelle
Aggressionsverhalten im Erwachsenenalter ausmachen. Die Rolle der
Persönlichkeitsfaktoren ist weit weniger erforscht als der Einfluss von
Situationsfaktoren auf Aggressionen. Dennoch wurden einige
Persönlichkeitskonstrukte vorgeschlagen und untersucht.
Dazu gehört beispielsweise die Reizbarkeit, die folgendermaßen definiert ist:
„Tendenz impulsiv, unangemessen oder grob auf die kleinste Provokation oder
Streitigkeit zu reagieren.“ (nach Caprara, Perugini, Barbaranelli, 1994, zitiert nach
Krahé, 2001). Caprara (1994) entwickelte dazu die Caprara Irritability Scale, mit
deren Hilfe das Ausmaß der Reizbarkeit gemessen wurde. Dazu müssen die
Probanden unterschiedliche Items beantworten, z.B. „Ich bin ziemlich empfindlich.“
Des Weiteren wurde die emotionale Empfindlichkeit untersucht und definiert:
„Tendenz ein Gefühl des Unwohlseins, der Hilflosigkeit, der Unzulänglichkeit oder
der Verletzlichkeit zu erleben.“ (nach Caprara et al., 1994, zitiert nach Krahé, 2001).
Menschen die reizbarer oder emotional empfindlicher sind, haben eine höhere
Aggressionsbereitschaft. Außerdem ist ihre Reizschwelle bei vorangegangener
Frustration deutlich niedriger. Das heißt, dass diese beiden Konstrukte einen Einfluss
auf affektiver Ebene haben.
Dagegen sind Dissipatoren bzw. Ruminatoren eher auf kognitiver Ebene
einzuordnen. Sie stellen die Pole eines Kontinuums dar, dass beschreibt wie sehr
sich ein Mensch nach einem Aggressionen auslösenden Reiz mit aggressiven
Gedanken beschäftigt (nach Krahé, 2001). Hohe Dissipatoren können eine
provozierende Situation schnell und ohne großen kognitiven Aufwand bewältigen.
Stattdessen beschäftigen sich Ruminatoren sehr stark mit solchen Ereignissen und
arbeiten eher an Vergeltungsplänen.
Eine weitere kognitive Disposition ist der hostile attribution bias. Dabei handelt
es sich um die Tendenz einen mehrdeutigen Reiz als feindselig und aggressiv zu
interpretieren. Das bezieht sich sowohl auf die Wahrnehmung wie sich jemand
behandelt fühlt als auch wie er seine soziale Umwelt generell wahrnimmt (nach
Krahé, 2001). Zwar findet sich der hostile attribution bias auf kognitiver Ebene, aber
er beeinflusst das aggressive Verhalten auch stark gemeinsam mit affektiven
Dispositionen wie der Reizbarkeit.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Konstrukte, welche aggressives
Verhalten hemmen können, z.B. die Empathie. Empathie bedeutet, dass man sich in
jemand anderes Hineinversetzen kann.
Diermeier und Grübl (2003) untersuchten in einer Studie unter anderem den
Zusammenhang zwischen Empathie und Aggressionshäufigkeit und setzten die
Hypothese auf, dass zwischen ihnen ein negativer Zusammenhang besteht. Um
dieses Zusammenhang zu belegen verteilten sie Fragebögen zur Empathie, zur
Aggressionshäufigkeit und eine Lügenskala an verschiedene Schüler. Der
Empathiefragebogen enthielt 28 Items mit einer Kodierung von 1 (wenig empathisch)
bis 3 (sehr empathisch). Der Fragebogen zur Aggressionshäufigkeit hatte 30 Items
mit einer Kodierung von 1 (nicht aggressiv) und 2 (aggressiv). Die Lügenskala
bestand aus 16 Items mit einer Kodierung von 1 (lügt nicht) und 2 (lügt). Die
Auswertung ergab dann einen Zusammenhang zwischen Empathie und
Aggressionshäufigkeit von r=-0,464. Das heißt, dass ihre Hypothese bestätigt wurde.
Diese Studie zeigt also, dass bei höherer Empathie, die Aggressionshäufigkeit
abnimmt und auf der anderes Seite bei geringerer Empathie abnimmt.
Ein weiteres Konstrukt, das Einfluss auf das aggressive Verhalten hat, ist das
Selbst, bei dem ich das Selbstbewusstsein und die Selbstkontrolle separat
betrachten werde.
Beim Selbstbewusstsein wird traditionell angenommen, dass ein geringes
Selbstbewusstsein aggressives Verhalten fördert. Viele Studien unterstützen diese
Auffassung. Auch die Kursteilnehmer tendierten während der Diskussion eher zu
dieser Meinung. Ein Beispiel einer Kursteilnehmerin war, dass selbstbewusste
Menschen mit Kritik besser umgehen können, weil sie sozusagen „darüber stehen“.
Menschen mit geringerem Selbstbewusstsein hingegen, könnten ihrer Meinung nach
mit Kritik schlechter umgehen und fühlen sich eher angegriffen, da sie nicht so stark
gefestigt sind. Sie tendieren also eher zu einer aggressiven Reaktion. Des Weiteren
wurden in dieser Diskussion auch über Amokläufe gesprochen, in denen bekanntlich
einen hohes Maß an Aggressionen, nämlich Gewalt, gezeigt wird. Die
Diskussionsteilnehmer vermuten hinter den Tätern eher zurückgewiesene und
isolierte Personen mit geringem Selbstbewusstsein.
Baumeister und Boden (1998) bezweifeln stattdessen vorangegangene
Studien und vertreten die Auffassung, dass Menschen mit hohem Selbstbewusstsein
bei einem Angriff ihres Selbstbewusstseins eher mit aggressiven Verhalten reagieren
würden. Sie zogen Belege aus einem breiten Feld heran: experimentelle Versuche,
häusliche Gewalt, Morde und Übergriffe, und sogar Gewalt, die von politischen
Gruppen begangen wird (nach Krahé, 2001). Abschließend bleibt wohl zu sagen,
dass sowohl ein geringes als auch ein hohes Selbstbewusstsein aggressives
Verhalten auslösen. Welche Ausprägung den größeren Einfluss hat, bleibt offen.
Der Selbstkontrolle schreibt man eine aggressionshemmende Funktion.
Deswegen besteht die Vermutung, dass einige Menschen an einem chronischen
Defizit in der Selbstkontrolle leiden und sich deshalb kriminell verhalten. Diese
Annahme wird beispielsweise durch Kriminalstatistiken unterstützt. Viele Straftäter
begehen wiederholt kriminelle Delikte. Des Weiteren geht kriminelles Verhalten oft
auch mit anderen unkontrollierten Handlungsweisen wie starkem Rauchen oder
Alkoholkonsum einher.



Verwendete Literatur:
Krahé, B. (2001). Individual differences in aggression.The Social Psychology of
Aggression (S. 47-66). East Sussex: Psychology Press
Diermeier, M. & Grübl, M. (2003). Validierung und Weiterentwicklung eines
Fragebogens zur Erfassung von Empathie, Prosozialität, Legitimation von
aggressivem Verhalten und Aggressivität. www-cgi.uni-regensburg.de

Samstag, 19. Februar 2011

Videospiele & Aggressionen

Enrico Tessmer
Blockseminar Sozialpsychologie:
Wenn es mal kracht: Aggression - Ursachen, Prozesse und Folgen

Einführung

In diesem Artikel geht es um den Beitrag von Videospielen zum Thema Aggression, ein
auch in den Medien viel Diskutiertes Thema. Nach einer kurzen Begriffsdefinition soll der
aktuelle Kenntnisstand zum Einfluss von Videospielen auf aggressives Verhalten anhand
relevanter Modelle und Theorien, sowie ausgewählter Studien dargelegt und diskutiert
werden. Zunächst jedoch ein zum Thema passendes Zitat:
„Ich mag Videospiele, aber sie sind sehr gewalttätig. Ich würde gerne ein Spiel spielen in
dem man den Leuten hilft, die in allen anderen Spielen erschossen werden. Es würde
„überbelegtes Krankenhaus“ heißen – Demitri Martin, Komödiant
Begriffsdefinitionen
Das Wort Videospiel setzt sich zusammen aus den beiden Begriffen Video und Spiel.
Eine allgemeine Definition kann unter http://de.wikipedia.org/wiki/Videospiel
nachgeschlagen werden. Moderne Videospiele stellen eine Art auf dem Computer oder
Spielkonsolen ablaufendem interaktiven Film dar, in die der Spieler direkt eingreifen kann.
Neben eher harmlosen Inhalten gibt es auch Inhalte mit einem hohen Maß an Gewalt und
Aggression, die teilweise millionenfach verkauft werden und trotz eventueller Verbote auch
den Weg in deutsche Wohnzimmer finden. Als Extremes Beispiel kann Manhunt 2 gelten,
unter http://www.youtube.com/watch?v=no4rqVZ42OA findet sich ein Video dazu. Auch in
den mittlerweile über 122 Mio. mal verkauften Titeln der GTA-Reihe (Grand Theft Auto), in
denen der Spieler als Krimineller diverse Verbrechen begeht, findet sich ein teilweise
erhebliches Maß an realistischen Gewaltdarstellungen http://www.youtube.com/watch?
v=yrdWkoBMZVE. Die Folgen eines derartigen Medienkonsums auf den gesunden Spieler
sind jedoch höchst umstritten und werden auch auf politischer Ebene kontrovers diskutiert.
Relevante Modelle & Theorien
Es bestehen zwei konkurrierende Erklärungsansätze zur Untersuchung eines eventuell
vorhandenen Zusammenhanges zwischen Konsum gewalthaltiger Videospiele und
Aggression: Nach der Sozialisationshypothese führt Kontakt mit gewalthaltigen
Videospielen zu aggressiverem Verhalten, nach der Selektionshypothese hingegen
suchen aggressive Menschen gezielt aggressive Stimuli.
Zwei Modelle liefern weitere Erklärungsansätze zum Einfluss von Videospielen auf
Aggression: Das General Aggression Model und das General Aggression Model.
Nach dem General Aggression Model führt der Konsum gewalthaltiger Medien kurzfristig
zu einer Erhöhung aggressiver Gedanken, aggressiver Gefühle und aggressivem
Verhalten, und langfristig zu Verstärkung aggressiver Verhaltensskripte,



Abbildung 1: General Aggression Model 1

Wahrnehmungsschemata und Einstellungen, sowie Desensibilisierung gegenüber Gewalt
(Anderson & Bushman, 2002). Das General Learning Model liefert einen ähnlichen Ansatz:
Soziales Lernen findet demnach durch Belohnung statt und Mediengewalt fungiert als
Hinweisreiz (Prime) für aggressive Kognitionen.
Nach dem General Agression Model kann bei häufiger Kontakt mit Gewaltinhalten die
Entwicklung einer aggressiven Persönlichkeit begünstigen. Problematisch ist zudem, dass
Videospielcharaktere von Kindern oft als Vorbilder und Rollenmodelle gesehen werden.
Studie: Möller & Krahe (2009)
Die Untersuchung von Möller & Krahe (2009) hatte das Ziel, den Zusammenhang
zwischen Kontakt mit Spielgewalt und Aggression genauer untersuchen und zu
überprüfen, ob eine Vorhersage zukünftigen Gewaltverhaltens anhand von
Spielhäufigkeit möglich ist.
Gemessen wurde der Kontakt mit Gewaltspielen, sowie Gewaltattributionen/-Verhalten
und aggressionsbezogenen normativen Glaubenssätzen an 2 Zeitpunkten, jeweils anhand


Abbildung 2: General Aggression Model 2

eines Fragebogens. Es fand also kein Experiment im eigentlichen Sinne statt. Die
Ergebnisse sind in nachfolgender Grafik dargestellt, aufgrund des nichtexperimentellen
Ansatzes ist eine Interpretation über Ursache und Wirkung aber sehr schwierig.
Nach Gentile (2005) gibt es 5 relevante Dimensionen für die Wirkung von
Videospielinhalten:
1. Spieldauer
2. Spielinhalt
3. Sozialer Kontext
4. Spielstruktur
5. Spielmechanik


Abbildung 4: Super Mario Sunshine


Abbildung 3: Ergebnisse Möller & Krahe (2009)


In einer anderen Untersuchung, in der es vorrangig um Spiele mit prosozialem Inhalt, zum
Beispiel dem reinigen einer verschmutzten Stadt bei Super Mario Sunshine, ging, fand
sich ein negativer Zusammenhang zwischen Gewaltspielen und prosozialem Verhalten
und eine zweiseitige Beziehung zwischen prosozialen Videopielen und prosozialem
Verhalten.

Methodische Probleme


Fast alle bisherigen Studien sind jedoch mit teilweise erheblichen methodischen
Problemen behaftet: So werden Begriffsdefinitionen wie Videospiel, Aggression, Gewalt in
höchstem Maße uneinheitlich verwendet und operationalisiert. Zudem ist aufgrund des
häufig nicht experimentellen Ansatzes eine Interpretation und Generalisierung nur
eingeschränkt möglich.
Fazit
Nach dem derzeitigen Forschungsstand führen Gewaltspiele zu einer Erhöhung
aggressiver Gedanken und zu aggressivem Verhalten, während prosoziale Spiele
erhöhen prosoziale Gedanken und prosoziales Verhalten erhöhen.
Aber oft gibt es in bisherigen Studien gravierende methodische Probleme, so das weitere,
vor allem experimentelle Forschung auch zur Langzeitwirkung, nötig ist.



Abbildung 5: "Killerspiele"



Quellen:
Bushman, B.J., & Anderson, C.A. (2002). Violent video games and hostile expectations: A
test of the general aggression model. Personality and Social Psychology Bulletin, 28,
1679-1686.
Möller, I., & Krahé, B. (2009). Exposure to violent video games and aggression in German
adolescents. Aggressive Behavior, 35, 75-89.
Ostrov, J. M., Gentile, D. A., & Crick, N. R. (2006). Media exposure, aggression and
prosocial behavior during early childhood: A longitudinal study. Social Development, 15,
612-627

Freitag, 18. Februar 2011

Mediengewalt und Agressionen

Julia

1. Einführung

Mediengewalt – ein weitverbreitetes und umstrittenes Thema. Politik und Wissenschaft sind an der Frage interessiert, ob der Konsum von Gewalt in den Medien eine Auswirkung auf das Aggressionspotential des Menschen hat.
Medien, wie Fernseher und Internet stehen zunehmend im Mittelpunkt der Freizeitaktivitäten von Erwachsenen, Jugendlichen aber auch Kindern. Das Fernsehen in Deutschland ist heutzutage äußerst vielfältig und stellt einen wichtigen kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Teil der Medienlandschaft in Deutschland dar.
In seiner kurzen Geschichte von etwa 70 Jahren hat es sich technisch und inhaltlich schnell entwickelt. 95 Prozent der deutschen Haushalte verfügen mittlerweile über mindestens einen Fernseher. Das Fernsehen zählt in Deutschland heute zu den Leitmedien. Während in den Anfängen sich das Fernsehprogramm hauptsächlich um Informationen und Geschehnissen aus der Welt drehte, stehen heute Unterhaltung und Spaß im Vordergrund. Filme, Unterhaltungssendungen und Serien gewannen zunehmend an Interesse. Fernsehinstitutsinhaber und Filmemacher fanden bald heraus, dass besonders spannende, irreale und actionreiche Inhalte viele Zuschauer anziehen, wodurch Gewaltinhalte einen immer größeren Platz einnahmen. (vgl. KIM-Studie 2008)
Heute ist Mediengewalt im Fernsehen gar nicht mehr wegzudenken, was die Frage aufwirft, wie sich Mediengewalt auf den Menschen auswirkt?
Um überhaupt einen Zusammenhang zwischen Mediengewalt und ihre Wirkungen auf den Menschen aufstellen zu können, sind zwei Grundvoraussetzungen zu nennen. Einerseits die weite Verbreitung von Gewaltinhalten in den Medien, andererseits die Gegebenheit, dass der Mensch diese konsumiert.

2. Mediengewalt – Verbreitung und Konsum

In einer weitreichenden Analyse des Fernsehprogramms in Deutschland fanden Groebel und Gleich 1992 in fast der Hälfte der Programme von sechs Sendern (ARD, ZDF, SAT1, RTL, PRO7 und Tele5) zumindest eine Aggression oder Bedrohung. 20 Prozent der aggressiven Sequenzen enthielten Mord oder Todschlag. Neuere Analysen von Grimm, Kirste und Weiß
zeigen einen Anstieg auf bis zu 58 Prozent. Besonders in den privaten Sendern ist die Tendenz steigend. (vgl. Selg 2003, S.148)
Auch der Fernsehkonsum in Deutschland nimmt zu. Eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest fand heraus, dass Kinder (6 – 13 Jahre) durchschnittlich 91 Minuten täglich vor dem Fernseher verbringen, Jugendliche (12 – 19 Jahre) über zwei Stunden täglich und Erwachsene im Durchschnitt über drei Stunden fernsehen. Doch nicht nur im Fernsehen ist Mediengewalt vertreten, sondern auch im Internet und Videospielen. Kinder verbringen bereits durchschnittlich eine halbe Stunde im Internet. Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Online-Zeit zu. So verbringen Erwachsene durchschnittlich über eine Stunde im Internet. (vgl. KIM-Studie 2008)
In den USA steht das Medium Fernseher noch mehr im Mittelpunkt als in Deutschland. Nach Smith und Donnerstein verbringen Kinder (2 – 11 Jahren) bereits täglich 188 Minuten vor dem Fernseher, Jugendliche (12 – 19 Jahre) 171 Minuten und Erwachsene 250 Minuten.
Wie gezeigt wurde sind die beiden Voraussetzungen, die Verbreitung von Mediengewalt und der Medienkonsum gegeben. (vgl. Selig 2003, S. 148)
Eine weitere Studie durchgeführt in den USA 1998 geht explizit auf den Konsum von Mediengewalt ein. In Deutschland gibt es hierzu leider keine vergleichbare Analyse.
Tabelle 1 zeigt das Ergebnis der Studie von James Hamelton. Er suchte gewalthaltige Serien und Filme heraus, die zu dieser Zeit populär in den USA waren und im Fernsehen liefen. Die Analyse zeigt, dass Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 49 Jahren zu gleichen Teilen gewalthaltige Inhalte konsumieren. Doch auch schon Kinder und Jugendliche für die, manche Filme und Serien noch gar nicht altersgerecht sind schauen bereits mit einem Anteil von 7 bis 17 Prozent gewalthaltige Medien. (vgl. Krahé 2001, S. 94)




Tabelle 1: Konsum von Mediengewalt in den USA (Krahé 2001, S. 94)



3. Kurzzeit- und Langzeitfolgen von Mediengewalt

Seit den frühen 1970iger Jahren ist die Wissenschaft zunehmend an dem Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Aggression interessiert. Heutzutage gibt es zahlreiche Studien zu diesem Thema. Die meisten Studien stimmen in ihren Ergebnissen überein, dass der Konsum von gewalthaltigen Inhalten, ob durch Fernsehen, Internet oder Videospielen einen Kurzzeiteffekt auf die Steigerung des aggressiven Verhaltens des Menschen haben.
Kurzzeiteffekte
Kurzzeiteffekte werden mittels Querschnittstudien erfasst. Dabei werden die Probanden nach ihrem Medienverhalten und ihrer Einschätzung über ihr Aggressionspotential mittels Fragebögen befragt. Daraufhin werden die Versuchspersonen zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe schaut einen Film mit gewalthaltigem Inhalt beziehungsweise spielt ein Videospiel mit Gewaltinhalten, die andere Gruppe schaut einen neutralen Film beziehungsweise spielt ein Spiel ohne gewalthaltigen Inhalt. Danach werden die Probanden wiederum nach ihrem Befinden gefragt. Wood, Wong und Cachere fanden in 23 solcher Experimente stets heraus, dass Mediengewalt die Aggression von Kindern und Erwachsenen gegenüber Freunden, Familienmitgliedern und Fremden erhöht. Paik und Comstock kommen mittels Metaanalysen von 217 Studien, welche zwischen 1957 und 1990 veröffentlicht wurden auf dasselbe Ergebnis.
Direkte Einflüsse von Mediengewalt
Neben der kurzzeitigen Aggressionssteigerung kann man zudem direkte und indirekte Einflüsse auf das aggressive Verhalten erkennen. Direkte Einflüsse von Mediengewalt bilden sich insbesondere bei Kindern ab, welche in ihren Fantasiespielen Gewalthandlungen nachahmen, wie beispielsweise das Schießen mit einer imaginären Waffe. Auch bei Jugendlichen und Erwachsenen kann man einen Nachahmungseffekt erkennen. Nach spektakulären Suiziden oder auffälligen Straftaten, welche in den Nachrichten veröffentlicht werden, steigt die Suizidrate signifikant an bzw. Straftaten werden nachgemacht. Diesen Effekt nennt man auch „Werther-Effekt“ benannt nach Goehtes „Leiden des jungen Werthers“.
Indirekte Einflüsse von Mediengewalt
Unter indirekten Einflüssen durch Mediengewalt auf das aggressive Verhalten versteht man Handlungen, die nicht direkt etwas mit der gezeigten Gewalthandlung zu tun haben. So haben Miller und Heath 1991 eine signifikante Verbindung zwischen dem Schauen von Schwergewichtsboxen und der Steigerung der Mordrate erkannt. Solche Ergebnisse sollte man jedoch kritisch betrachten, da auf indirektem Wege auch noch viele andere Faktoren mit hineinfließen können. (vgl. Krahé 2001, S. 92ff)

Langzeitfolgen
Über Langzeitfolgen durch Mediengewalt kann man nur wenige Aussagen machen, da diese nur mittels Längsschnittstudien erforscht werden können.
Zum Thema Mediengewalt und Aggression gibt es eine bekannte Längsschnittstudie durchgeführt von Rowell Huesmann. Neben den Langzeitfolgen durch den Konsum von gewalthaltigen Inhalten ging er zudem der Frage nach ob erhöhter Konsum von Mediengewalt die Aggression steigert oder ob Menschen mit erhöhtem Aggressionspotential gewalthaltige Medien bevorzugt anschauen und diese Aggressionssteigerung somit natürlich veranlagt ist und nicht auf Mediengewalt zurückzuführen ist.
1960 erhob Huesmann et al. bei Kinder im Alter von acht Jahren deren Aggressionspotential mittels Selbsteinschätzung und Befragung von Freunden, Lehrern und Eltern, sowie deren Fernsehverhalten. 10 Jahre später befragte er dieselben Probanden, nun 18 Jahre alt wiederum nach ihrer Einschätzung zu ihrem aggressiven Verhalten und ihrem Fernsehverhalten. Zusätzlich erhob er weitere Indikatoren für Aggression wie kriminelle Machenschaften, Vorstrafen und ihr kriminelles Urteilsvermögen. 12 Jahre später befragte er die nun 30-Jährigen Probanden ein letzes Mal über die genannten Faktoren.


Er fand heraus, dass die Präferenz von gewalthaltigen Medien im Alter von acht Jahren eine signifikante Beziehung zur Aggressivität 10 und 22 Jahre später hat, wobei jedoch die Präferenz von gewalthaltigen Programmen nicht konstant blieb, sondern über die Zeit hinweg variiert. Somit kann man sagen, dass der Zusammenhang zwischen veranlagtem Aggressionspotential und der Präferenz von Mediengewalt geringer ist, als der kausale Zusammenhang zwischen dem Schauen von gewalthaltigen Inhalten und der dadurch gesteigerten Aggression.
Abbildung 2 zeigt den Zusammenhang zwischen der Präferenz von Mediengewalt im Alter von acht Jahren und den Verurteilungen und Vorstrafen im Alter von 30 Jahren.


Abbildung 2: Zusammenhang zwischen Präferenz und aggressivem Verhalten
(Krahé 2001, S. 102)

Erhöhter Konsum von gewalthaltigen Medien mit 8 Jahren ist ein Prädiktor für Straftaten bis zum Alter von 30 Jahren. Da erhöhter Konsum von Mediengewalt in Alter von 18 Jahren keine signifikanten Auswirkungen hat, kann man schließen, dass es zwischen acht und zwölf Jahren eine „sensible Phase“ geben muss. (vgl. Krahé 2001, S. 100ff)

4. Bedingungen, die Effekte von Mediengewalt unterstützen

Eine Frage der Zuordnung
Als Beispiel ist hier ein Rugbyspiel zu nennen. Für den Fan ist Rugby ein spannender Sportwettkampf wohingegen der Laie das Rugbyspiel als brutales Gerangel zwischen feindseligen Spielern sieht. Was Gewalt ist, ist also eine Frage, wie der Mensch die beobachtete Situation einordnet.

http://www.youtube.com/watch?v=KdiEcSdIqbs&feature=related

Darstellung positiver Folgen durch aggressives Verhalten
Wird aggressives Verhalten bestraft, löst es weniger Aggression im Betrachter aus als wenn aggressives Verhalten zum Erfolg führt. In einer Studie wurden 2.500 TV-Stunden analysiert, mit dem Ergebnis, dass nur 19 % der Gewalttäter bestraft wurden. Auch bei Computerspielen wird der Spieler mit Punkten belohnt, umso gewaltsamer er seinen Gegner umgebracht hat.
Präsentation von Gewalt als etwas „Gutes“
Besonders in Cartoons wird Gewalt als reversibel dargestellt. Die Figuren springen fröhlich weiter nachdem sie ihren Gegner flachgedrückt haben. Der Gegner trägt keine Verletzungen oder stirbt durch den Gewaltakt.
Über 50% der aggressiven Episoden im Fernsehprogramm zeigen keine Verletzungen oder Leiden. Auch hier gilt, dass die Auswirkungen von Mediengewalt auf den Menschen stärker sind, wenn keine oder falsche Folgen von Gewalt dargestellt werden
http://www.youtube.com/watch?v=EJmtuCjrO1w
Gewalt als gerechtfertigte Strafe
Gewalttaten im Fernsehen werden oft als verdiente Strafe für den Gegner, dem „Bösen“ dargestellt. Gewalt wird aus einem guten Grund ausgeführt und als gerechte Vergeltungsmaßnahme dargestellt. In 44% der aggressiven Episoden ist dies der Fall.
Darstellung der Gewalttäter als Idole
Angreifer werden in Filmen oder Computerspielen oft als mächtig, stark und bewundernswert dargestellt und gehen meist als Gewinner aus der Situation heraus. Dies führt dazu, dass die Wahrscheinlichkeit der Nachahmung des Zuschauers steigt.
Unfähigkeit sich von Mediengewalt zu distanzieren
Filme und Computerspiele werden immer realistischer in 3D-Qualität dargestellt, wodurch die Unterscheidung zwischen Medium und Realität immer schwieriger wird.
Diese Aspekte addieren sich auf und bekräftigen sich gegenseitig.
Natürlich wirken diese Bedingungen nicht auf jeden Menschen auf die gleiche Weise. Denn nicht jeder der Gewalt sieht wird dadurch auch aggressiver auch wenn alle obengenannten Bedingungen gegeben wären.
(vgl. Krahé 2001, S. 96ff)

5. Mediengewalt – individuelle Unterschiede

Zum einen spielt das Geschlecht eine wichtige Rolle, wobei männliche eher anfällig sind als weibliche zum anderen das Alter. Wie bereits in der Langzeitstudie von Huesmann gezeigt wurde gibt es im Alter zwischen 8 und 12 Jahren eine sensible Phase bei Kindern, in der Mediengewalt einen besonders starken Effekt haben kann. Mit zunehmendem Alter und wachsender kognitiven Reife lässt diese Wirkung sehr stark nach.
Die kognitive Reife ist ein weiteres Kriterium, welche die Auswirkung von Mediengewalt auf aggressives Verhalten senkt. Umso stärker die kognitive Entwicklung, desto eher kann sich die Person von der gezeigten Gewalt distanzieren. Distanzierung und Fokussierung auf die Realität lässt die Wirkung von Mediengewalt gegen null sinken.
Neben der kognitiven Reife spielt das soziale Umfeld eine tragende Rolle. Herrscht Gewalt in der Familie oder im näheren Umfeld (Freunden, Peers) wirken sich die Effekte von Mediengewalt stärker auf die Person aus.
Zuletzt spielt das Aggressionspotential eine wichtige Rolle bei der Wirkung von Mediengewalt. Bushman fand in seiner Studie heraus, dass Menschen mit hohem Aggressionspotential nicht nur gewalthaltige Medien eher präferieren, sondern die gezeigte Gewalt auch eine stärkere Wirkung auf sie haben. (vgl. Krahé 2001, S. 98f)
Dadurch entsteht ein Teufelskreis:



6. Psychologische Effekte von Mediengewalt auf Aggression


Abbildung 3: Psychologische Effekte von Mediengewalt (Krahé 2001, S. 109)
Erhöhte Erregung: Wer schon frustriert ist, reagiert aggressiver als im ausgeglichenen Zustand
Priming: erleichterte Zugänglichkeit kann zu falschen Interpretationen von sozialen Informationen führen
Erlernen neuer Reaktionsmuster: Nachahmung, Kurzzeitfolgen; Lernen am Modell (Bandura) Beispiel: 15-Jähriger tötet Tante mit Axt auf gleiche Weise wie im Film gezeigt wurde
Enthemmung: Gewöhnung an Gewalthandlungen, Verharmlosung, Fehlen von negativen Folgen (Schmerz, Verletzungen)
Desensibilisierung gegenüber Opfern: Gewalt wird oft als gerechtfertigt dargestellt
Veränderte Sicht auf Realität: Welt wird zunehmend als gefährlicher Ort angesehen => löst Angst aus; Verbreitung von Kriminalität wird überschätzt; Forderung nach höhere Strafmaßnahmen.

7. Mediengewalt und aggressive Skripte

Durch die Beobachtung von Gewalt beziehungsweise der Ausübung von Gewalthandlungen in Computerspielen bildet der Mensch aggressive Skripte aus, die durch zunehmenden Konsum von Mediengewalt häufiger aktiviert werden und somit zugänglicher werden. Dies wirkt sich auf sein Verhalten und seine Interpretationen seines sozialen Umfeldes aus. Die Aktivierung eines Punktes im Netzwerk aktiviert die umliegenden Punkte. Somit entsteht ein Netzwerk von aggressionsauslösenden Gedanken und Gefühlen. Die Erfahrungen, die der Mensch dabei macht spielen hier eine wichtige Schlüsselrolle, denn diese sind die Verbindung zwischen Realität und Fiktion. Beobachtet ein Kind beispielsweise wie ein Kind im Fernseher mit Gewalt ein Spielzeug eines anderen Kindes ohne negative Konsequenzen erobert und ahmt dies in der Realität nach, wird nun aber bestraft, lernt es sich in der Realität richtig zu Verhalten und speichert dies richtig in sein Skript ab. (vgl. Krahé 2001, S. 112)



8. Präventive Maßnahmen

 Kritische Betrachtung
 Medieninitiative: Aufzeigen von Folgen
 Vermittlung von Medienkompetenzen
 Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität
 Kindergerechte Sendungen






Literaturverzeichnis
Krahé, Barbara (2001): Media violence and aggression. In: Krahé Barbara: The social psychology of aggression. Psychology Press, Hove
Selg, Herbert (2003): Mediengewalt und ihre Auswirkungen auf Kinder. Stellungnahme zu einer alten Streitfrage und zu angeblich kontroversen Befunden. Reinhardt-Verlag
Internetquellen:
Medienpädagogischer Forschungsverband: KIM-Studie 2008. URL: http://www.mpfs.de/index.php?id=133 [Datum: 03.01.2011]
Portal zur Mediengewalt : www.mediengewalt.de
Video Rugby: http://www.youtube.com/watch?v=KdiEcSdIqbs&feature=related
Video Itchy & Scratchy: http://www.youtube.com/watch?v=EJmtuCjrO1w